Die Angst vor Gentechnik

Gentechnik ist böse. Ganz außerordentlich böse. Meinen jedenfalls so ziemlich alle zu wissen.

Nun ja, warum eigentlich? Darauf wissen dann schon deutlich weniger eine Antwort. Fragen wir doch mal die Grünen. Dazu kann man, so man sich denn traut, deren Themenseite zur Gentechnik anschauen. Ich habe es getan und werde das ganze im folgenden Artikel mal kommentieren (Alle folgenden Zitate stammen von der genannten Themenseite und wurden im November ’14 abgerufen).

Forschungsfreiheit ist ein hohes Gut. Zugleich muss Wissenschaft sich ihrer Verantwortung in Forschung und Lehre bewusst sein. Die medizinische Forschung muss die Menschenwürde achten.

Selbstverständlich. Kann man nur schwer widersprechen.

Individuelle genetische Daten müssen geschützt werden.

Nanu? Was soll das denn jetzt bedeuten? Das niemand gegen meinen Willen an meiner DNA rumpfuschen darf? Das ist wohl grundlegend. Wenn es aber heißt, dass ich, wenn ich es ausdrücklich so will, nichts an meinen Genen ändern darf, hat das zwei Probleme: Einmal geht das technisch nicht (und wenn es jemals gehen sollte, nicht in naher Zukunft) und zweitens, wenn es gehen würde, wäre es ein Eingriff in die körperliche Selbstbestimmung. Zuletzt könnte man (mit etwas Fantasie) noch aus diesem Satz ein anderes Problem herauslesen, das des „Designer-Babys“, was auf der Seite später angesprochen wird und auf das ich dann noch eingehe.

[…] gegen eine verbrauchende Embryonenforschung, bei der frühe menschliche Embryonen zerstört werden […]

Hm, ja. Auch eher etwas, was selbstverständlich ist. Irgendwie wirkt es auf mich, als wolle man mit dem ständigen Widerholen solcher Phrasen den Eindruck vermitteln, solche Verfahren wären an der Tagesordnung.

[…] gegen Versuche mithilfe der Gentechnik den „perfekten Menschen“ zu schaffen.

Das Thema des „Designer-Babys“. Hört sich gruselig an, aber warum eigentlich nicht? Ich sehe, dass man darüber diskutieren kann, aber wäre es nicht gerade verantwortungslos, die unglaublichen Möglichkeiten, die sich uns mit diesen Techniken eröffnen, ungenutzt zu lassen und für immer mit Krebs, Sklerose, Herzfehlern etc. herumzulaufen? Was würde ein Mensch, der 200 Jahre in der Zukunft lebt und gerade an Krebs leidet und stirbt, sagen, wenn er erfährt, dass er nur Krebs hat, weil die Leute vor 200 Jahren Genforschung für „unethisch“ hielten (Mal ganz abgesehen davon, dass wir Krebs bis dahin vielleicht auch klassisch heilen können, aber das Beispiel lässt sich ja auf beliebige andere Dinge beziehen)?

Wobei ich ja eigentlich ursprünglich bei diesem Thema eher an Pflanzen oder gerade noch Tiere gedacht habe. Ein hochemotionales Thema wie dieses auf einer Themenseite, die sich sonst hauptsächlich mit Pflanzen beschäftigt, vorzubringen, finde ich ein wenig unfair. Das sind zwei Paar Schuhe, die man getrennt behandeln sollte.

Die Verwendung von Gentechnik in der Landwirtschaft hat keines ihrer Versprechen eingelöst. Statt Erträge zu steigern, wurden mehr Pestizide eingesetzt und die Gefahren für Umwelt, Menschen und Tiere größer.

Ach, tatsächlich? Da gehe ich gleich noch näher drauf ein.

[…] befördert weltweit Monokulturen, […]

Mhmja. Weil klassische Landwirtschaft das nicht tut. Unser guter, alter Standardmais wird, wie man weiß, ausschließlich in Mischwäldern angepflanzt (Achtung: Das war Sarkasmus).

[…] gefährdet die Umwelt, […]

So? Inwiefern? Diese zentrale Behauptung wird hier einfach aufgestellt und nicht erklärt. Komm mir keiner mit Pestiziden, die werden auch sonst eingesetzt.

[…] stärkt die Großkonzerne und […]

Ich hab mir schon Sorgen gemacht, dass dieser Klassiker nicht mehr kommt. Die Panik vor den Großkonzernen. Natürlich sind die Schuld. Ich hab’s geahnt. Die sind’s ja immer Schuld. Warum Gentechnik aber jetzt gerade die stärkt, erschließt sich mir nicht so ganz.

[…] macht Landwirte abhängiger von Saatgutherstellern.

Eine einfache Frage stellt sich:

Wenn Gensaatgut die Erträge nicht steigert, warum kaufen die Bauern es dann überhaupt?

Nun, da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ist die erste Behauptung falsch, und Genpflanzen sind eben doch effektiver, oder sie sind es nicht. Dann werden die Bauern kein solches Saatgut mehr kaufen, die bösen Saatgutkonzerne gehen pleite und die Sache hat sich von selber erledigt, ohne das die Grünen mal wieder was verbieten mussten (das ganze nennt man übrigens Marktwirtschaft).

Eines muss ich allerdings zugeben: Der Gensaatgutmarkt wird von Monsanto dominiert. Ich möchte auf darauf nicht näher eingehen, der Wikipedia-Artikel dazu ist recht gut, aber eine Sache: Bei Monsanto scheint es teilweise wirklich mit unlauteren Dingen zuzugehen. Das muss man entschlossen bekämpfen, und mit „man“ meine ich den Staat, dafür haben wir ihn schließlich (noch). Aber das ist ein Problem mit diesem speziellen Saatguthersteller und dem Patentrecht, keins der bösen Großkonzerne und erst recht nicht der Gentechnik!

Gentechnisch erzeugte Lebensmittel müssen entsprechend gekennzeichnet sein.

Das sollte sich von selbst verstehen. Es sollte überall draufstehen was drin ist, damit ein mündiger Verbraucher fundiert entscheiden kann. Und das ist dann auch schon die einzige Maßnahme „gegen“ Gentechnik, die ich unterstütze.

Patente auf Pflanzen, Tiere und Menschen lehnen wir strikt ab.

Was denken die denn, wie konventionelles Saatgut verkauft wird? Das ist auch hochgezüchtet, nur eben in einem nervigen, ineffizienten, teuren und vermutlich umweltschädlichen Prozess. Und die Sorten kriegt man dann auch nur beim entsprechenden Hersteller. Dieses Problem jetzt auf Gentechnik zu schieben, ist Unsinn.

Bei Tieren ist es ähnlich, für Zuchtbullen, -pferde etc. gibt es Kataloge. Milchkühe und Hühner z.B. sind aufs äußerste hochgezüchtet, sie liefern ein Vielfaches der Wildexemplare. Ich muss sagen, dass ich eine gezielte gentechnische Anpassung eines Tieres weniger entwürdigend finde als konventionelles Züchten. Die Methoden sind oft ziemlich unschön. Sicher ist, das die Tiere durch beides zum Produkt werden, das kommt nicht von der Gentechnik, das ist ein ganz anderes Problem.

Man darf nie vergessen, dass die normalen, seit Jahrhunderten praktizierten Zuchtverfahren genauso eine genetische Veränderung zum Ziel haben. Nur eben langsamer (und schlechter).

Für Unternehmen und Forschungsinstitute, die Agro- oder medizinische Gentechnik betreiben, fordern wir deshalb Transparenz und eine klare Verursacherhaftung.

Wieder so was selbstverständliches. Tranzparenz – immer. Verursacherhaftung – ja, was denn sonst? So was wie in der Politik, wo man als Minister kolossalen Mist baut und in der nächsten Legislaturperiode in einem anderen Ressort fröhlich weiter randaliert?

Übrigens – Gentechnik hat nichts mit lebendig werdenden Pflanzen und Mutantenmonstern zu tun. Da wird auch nicht mit Zombies gearbeitet. Es gibt überhaupt keinen Grund, so sehr Angst vor Genpflanzen zu haben. Veränderungen kommen ja nicht einfach auf den Tisch, die werden ausführlich getestet. Ich glaube manchmal, die Leute haben diese Panik, weil sie irgendwelche Mutantenfilme mit bösen Wissenschaftlern gesehen haben und jetzt glauben, das wäre wirklich so. Einer meiner liebsten Kabarettisten, Dieter Nuhr, sagte dazu mal:

Da gehen jetzt die Umweltschützer hin und sagen: Was ist denn, wenn über die Gentechnik Fremdgene in die Natur, also auch in die Nahrungskette gelangen und dadurch auch wieder in unseren Körper? Gut, was ist denn dann?
Ich muss Ihnen ehrlich sagen, ich esse Nahrungsmittel, ich paare mich nicht mit ihnen. Wenn ich einen Apfel esse, dann werfe ich doch nicht im Herbst die Blätter ab.

Fassen wir zusammen: Entweder Gentechnik funktioniert, oder sie wird von selber verschwinden. Kennzeichnungspflicht sollte klar sein, den Rest erledigt der Markt: Entweder die Leute wollen Gentechnik, dann wird es sie auch geben, oder die Leute wollen sie nicht, dann kaufen sie sie nicht, und sie wird verschwinden. Das ist demokratisch. Marktwirtschaft statt grüner Partei und Verboten.

Das wäre dann alles. Ich habe kein echtes, rationales Argument, das sich nicht widerspricht, gegen Gentechnik finden können, nur viele Worte, die sich um Probleme drehen, die nichts mit der neuen Technologie zu tun haben. Wenn jemand welche kennt – lasst es mich in den Kommentaren wissen. Ich lasse mich gerne überraschen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.